Seit rund einem Jahr gehört ProSiebenSat.1 mehrheitlich zum italienischen Medienkonzern Media for Europe (MFE). Die großen Befürchtungen eines politischen Einflusses haben sich bislang nicht bestätigt. Deutlich spürbar ist dagegen der wirtschaftliche und organisatorische Umbau des Konzerns.
MFE hat die Führungsstruktur bei ProSiebenSat.1 grundlegend verändert. Der Vorstand wurde weitgehend neu besetzt, die Konzernstruktur auf die beiden Bereiche Entertainment sowie Commerce & Dating reduziert und verschiedene Beteiligungen wurden verkauft oder zur Veräußerung gestellt. Damit wird der Konzern stärker auf sein Kerngeschäft ausgerichtet.
Bemerkenswert ist auch die veränderte Gewichtung von Fernsehen und Streaming. Während ProSiebenSat.1 in den vergangenen Jahren stark auf Joyn als zentrale Zukunftsplattform gesetzt hatte, stehen die klassischen Sender inzwischen wieder deutlicher im Mittelpunkt. Joyn bleibt wichtig, soll aber vor allem als reichweitenstarke, überwiegend werbefinanzierte Streamingplattform weiterentwickelt werden. Gleichzeitig sollen die technischen Systeme von Joyn und der italienischen MFE-Plattform Infinity zusammengeführt werden.
Für die Produktionslandschaft ist diese Entwicklung interessant. Eine stärkere Konzentration auf das Kerngeschäft bedeutet auch, dass Programmstrategien, Produktionsvolumen und die Zusammenarbeit mit externen Produzenten künftig stärker unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet werden dürften. Die frühere Offensive mit zahlreichen täglichen Serien ist bereits deutlich zurückgefahren worden. Neue Daily-Formate wurden zuletzt nicht mehr angekündigt.
Gleichzeitig setzt ProSiebenSat.1 weiterhin auf neue Inhalte, Marken und Gesichter. Chief Content Officer Henrik Pabst betont Investitionen in das Programm und die Bedeutung von TV und Joyn im Wettbewerb mit Plattformen wie YouTube und TikTok.
Für freie Kameraleute und andere Filmschaffende bleibt damit vor allem die weitere Entwicklung der Produktionsstrukturen interessant. Wenn ein großer deutscher Medienkonzern seine Organisation verschlankt, Beteiligungen verkauft und gleichzeitig stärker auf Synergien innerhalb eines internationalen Konzerns setzt, kann dies mittel- und langfristig auch Auswirkungen darauf haben, wo, wie und mit wem Produktionen realisiert werden.
Noch ist allerdings offen, wie weit diese Veränderungen tatsächlich in die tägliche Produktionspraxis hineinreichen. Das erste Jahr unter MFE zeigt vor allem: Der Umbau von ProSiebenSat.1 ist noch nicht abgeschlossen. Die kommenden Monate werden zeigen, welche Konsequenzen die neue strategische Ausrichtung für Programm, Produktion und die zahlreichen externen Partner des Konzerns haben wird.
(BVFK)











