1. Oktober 2026

WDR-Umbau: “Wir schneiden viele, auch durchaus erfolgreiche Äste ab”

Der WDR baut um, und das durchaus radikal. Im DWDL.de-Interview erklärt das neue Programmdirektoren-Duo Andrea Schafarczyk und Ingmar Cario, wo sie kürzen, wo sie investieren und was das für Fernsehen, Radio und Digitalangebote bedeutet. Über Digital First, Stellenabbau und Cosmo. […]

Genau, wir haben derzeit etwa ein Viertel der Ressourcen digital und drei Viertel linear gebunden. Unser Ziel ist, dass wir bis 2030 mindestens 45 Prozent unserer Ressourcen ins Non-Lineare investieren, nach Möglichkeit sogar die Hälfte. Das ist der Rahmen und die Basis für die nötigen Veränderungen. Wir wollen und müssen schneller, schlanker, stärker werden und stärker insbesondere im Digitalen. […]

Wir wollen das Programm von derzeit 600 auf 300 Angebote fokussieren, und in dieser Summe sollen auch neue Angebote stecken. Entsprechend müssen wir uns noch deutlicher verschlanken, um auch Raum für Neues zu schaffen. Wir gehen dabei jetzt in Schritten vor und der erste Schritt sieht vor, bis Ende 2027 insgesamt 76 Angebote einzustellen. Dabei handelt es sich um ein gutes Dutzend lineare Angebote und deutlich mehr non-lineare Angebote. Das ist nicht unlogisch, weil wir beim Wachsen im Digitalen immer wieder hier und da etwas dazubekommen haben. Wenn man sich unser gesamtes Programmangebot als Baum vorstellt, dann wollen und müssen wir Verästelungen jetzt zurechtstutzen, damit der Baum wieder sinnvoll wachsen kann. […]

Deshalb hat die Geschäftsleitung beschlossen, dass wir ein Drittel der 400 Stellen, die bis 2030 durch Verrentung frei werden, nicht neu besetzen, also 133. Und auch bei den Beauftragungen von frei arbeitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern werden wir reduzieren müssen. […]

Wir brauchen mehr Geschichten, die im Digitalen ihr Publikum erreichen. Wir haben ein Netz von Reporterinnen und Reportern über das gesamte Land gespannt. Und unser erklärter Wunsch ist, dass sie noch mehr eigene Geschichten recherchieren, also selbst gesetzte Themen, die aktuelle Debatten aufgreifen, Missstände aufdecken und natürlich auch Erfolgsgeschichten feiern. Das ist eine andere Art Geschichten zu schöpfen. Deswegen wollen wir die Anreize anders setzen, und wir werden aus unserem Reporterpool Geschichten so einkaufen, dass sie prioritär in Web, App und Social Media funktionieren. Die Kolleginnen und Kollegen, die draußen unterwegs sind, sollen auch deutlich häufiger als heute selbst drehen und schneiden. Wir haben die Idee, die Organisation in der Produktion in der Region künftig zu zentralisieren, damit wir Leerlauf in den Studios verhindern und die Mittel effektiver einsetzen können. Das bedeutet auch eine Kürzung in der Produktion linearer Inhalte. Insgesamt sollen 20 Prozent unserer Produktionskapazitäten im WDR in Technologie investiert werden, also in KI-Anwendung, überhaupt KI-Kompetenz und datenbasierte Produktentwicklung. […]

Wir sprachen eben schon von der programmlichen Portfoliosteuerung und unserer Zielsetzung für 2030. Dafür haben wir sogenannte “Wachstumsfelder” und “Stabilisierungsfelder” identifiziert. Ein Wachstumsfeld trägt zum Beispiel die Überschrift „Mehr Zeit für Tiefe“. Da geht es um Orientierung gebende, hintergründige Angebote. Dieses Feld ist stark von Dokus geprägt, das Genre, für das ich ja als Doku-Koordinator auch innerhalb der ARD verantwortlich bin. Zu diesem Feld gehören aber auch Erklär- und Talk-Formate. Das zweite Wachstumsfeld nennen wir „Die beste Zeit für mich“. Da geht es um unterhaltende und fiktionale Angebote für junge Zielgruppen, auch Dokusoaps, Junge Comedy oder Live-Sport gehören dazu. Dann haben wir das Feld „Direkt aufs Smartphone“, zu dem regionale News aber auch Wissensangebote wie „Quarks“ gehören. Und es gibt als viertes Wachstumsfeld “Maus und mehr”, das sich um Angebote für Kinder und PreTeens dreht. Wenn es um die Stabilisierung geht, dann reden wir vom WDR Fernsehen und den Radio-Wellen. Da müssen wir den Marktanteil, den wir haben, möglichst halten, ohne groß neue Mittel reinzugeben. Und in der Ableitung dessen werden wir uns auf die Primetime konzentrieren. […]

Wir schneiden viele, auch durchaus erfolgreiche Äste ab, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben, etwa in Form von Begleitangeboten wie „Erlebnis Erde“ auf Instagram oder „Heimatflimmern“ auf Facebook. Das sind Angebote, die für sich genommen nicht so groß oder kostenintensiv wirken wie ein TV-Format „Frau tv“, aber jedes einzelne Angebot bindet doch wieder Kräfte, die wir woanders noch besser und zielgerichteter einsetzen können.

https://www.dwdl.de/interviews/108010/wir_schneiden_viele_auch_durchaus_erfolgreiche_aeste_ab/

 

 

Quelle: DIMBB Medien

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