Mit großen Diskussionsrunden und digitalen Plattformen testen ARD und ZDF neue Wege im Austausch mit dem Publikum. Was sich dabei verändert und welche Erfahrungen sie machen.
ARD und ZDF testen neue Wege für Bürgerdialog
Mit großen Diskussionsrunden und digitalen Plattformen testen ARD und ZDF neue Wege im Austausch mit dem Publikum. Was sich dabei verändert und welche Erfahrungen sie machen. […]
Bei der ARD steht das Thema etwa heute im Mittelpunkt eines Themenabends. Anfang Mai kamen dafür in Leipzig und Baden-Baden 84 Menschen zusammen – symbolisch für die rund 84 Millionen Menschen in Deutschland. […]
„Da sind Menschen mit sehr unterschiedlichen Perspektiven und Lebensläufen zusammengekommen“, sagt Moderator Louis Klamroth über die Gesprächsrunden. „Der Konsens war eher: Es tat richtig gut, einander zuzuhören und miteinander zu sprechen.“ […]
Dass ARD und ZDF derzeit verstärkt auf solche Formate setzen, hat auch einen medienpolitischen Hintergrund. Mit dem Reformstaatsvertrag haben die Bundesländer den Auftrag der Sender neu gefasst. ARD und ZDF sollen demnach stärker Austausch ermöglichen und unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen.
Doch schon die Suche nach Teilnehmern zeigt, vor welchen Herausforderungen solche Formate stehen: Viele Menschen wollen zwar mitreden, schrecken vor öffentlicher Sichtbarkeit aber zurück. […]
Nach Ansicht der Kommunikationswissenschaftlerin Marlis Prinzing fühlen sich viele Menschen trotz permanenter Kommunikation nicht wirklich gehört. „Kommunikation heißt nicht Resonanz“, sagt Prinzing der Deutschen Presse-Agentur. Zwar werde heute ständig kommuniziert – über Messenger, soziale Netzwerke oder Kommentarfunktionen. Gleichzeitig hätten viele Menschen aber das Gefühl, mit ihren Anliegen nicht durchzudringen. Zugleich werde öffentliche Sichtbarkeit zunehmend als Risiko erlebt – verbunden mit Angst vor Ablehnung, sozialer Zuschreibung oder Kontrollverlust. […]
Auch das ZDF experimentiert seit einiger Zeit mit neuen Dialogformaten. Auf der Plattform „ZDFmitreden“ können etwa registrierte Nutzerinnen und Nutzer über gesellschaftliche Fragen abstimmen oder sich an Diskussionen beteiligen. Nach Angaben des Senders sind dort inzwischen mehr als 70.000 Menschen angemeldet. Die Plattform wird unter anderem im „ZDF-Mittagsmagazin“ oder im „Morgenmagazin“ genutzt, wo Zuschauermeinungen direkt in Sendungen einfließen.
Außerdem arbeitet das ZDF gemeinsam mit internationalen Partnern am Projekt „Public Spaces Incubator“. Dabei geht es um digitale Werkzeuge für moderierte Online-Diskussionen und die Frage, wie Debatten stärker auf eigene Plattformen zurückgeholt werden können – statt sie allein großen sozialen Netzwerken zu überlassen.
Prinzing sieht darin eine breitere Entwicklung. Unmoderierte Plattformen tendierten stärker zu Polarisierung und Emotionalisierung, sagt sie. „Moderation wird zur Voraussetzung von Öffentlichkeit – nicht zu ihrer Einschränkung.“ Der demokratische Diskurs brauche Räume, in denen Menschen Erfahrungen austauschen könnten, ohne sofort in Lager eingeordnet zu werden.
https://www.stern.de/kultur/tv/medien–ard-und-zdf-testen-neue-wege-fuer-buergerdialog-37471992.html
Hinweis der Redaktion: „Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen.” (Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. In: Bertolt Brecht: Gesammelte Werke in 20 Bänden. Bd. 18, 133.-137. Tsd., Frankfurt a. M., S. 127-134)
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